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Das Netzwerk der Gegenöffentlichkeit auf Facebook

| 22 Kommentare

Zur Zeit geht die Meldung über eine Vergewaltigung einer 13-Jährigen Berlinerin durch Flüchtlinge durchs Netz. Obwohl diese bereits durch die Polizei dementiert und die veröffentlichten Videos von 2009 sind, wird das Gerücht weiterhin von RT Deutsch und dessen internationalen Kanäle weiterverbreitet.

netzwerk_gegenoeffentlichkeit

In Deutschland wird dieses Gerücht – wie auch weitere Hetze gegen Flüchtlinge – vor allem durch die Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv (auf Facebook unter dem Namen Anonymous zu finden – und natürlich keine „offizielle“ Anonymous-Seite) weiterverbreitet. Dabei nutzen sie vor allem Verlinkungen zu dem rechten COMPACT-Magazin von Jürgen Elsässer.

Diese Namen und Seiten tauchen leider nicht zum ersten Mal gemeinsam auf. Durch den Seitenbetreiber von Anonymous (der Name des Betreibers ist bekannt, jedoch reagiert dieser bei Veröffentlichungen mit einer Anzeige) wird gezielt eine Kampagne gegen Flüchtende zusammen mit dem COMPACT-Magazin betrieben. Mit dem aktuellen Gerücht mischen sich verstärkt auch die russischen Staatsmedien ein und arbeiten, so scheint es, gezielt an der Kampagne mit.

anonymous

Es lohnt sich deshalb, einen genaueren Blick auf dieses Netzwerk der Gegenöffentlichkeit zu werfen. Ich verwende den Begriff Gegenöffentlichkeit, da sich diese Seiten und Medien ganz gezielt gegen einen angeblichen Mainstream stellen und sich als Pendant zu der Lügenpresse sehen. Dies wirkt umso perfider, da sich diese Netzwerke gegenseitig stützen, selbst wenn ihre Behauptungen bereits widerlegt wurden. Die Seitenbetreiber reagieren mit Löschungen und Blockierungen wenn sie in den Kommentaren auf diese widerlegten Argumentationen hingewiesen werden.
Gerade bei Anonymous, eine Bewegung welche sich gegen Zensur richtet, wirkt ein solches Blockieren und Löschen besonders heuchlerisch.

Zur Untersuchung dieses Netzwerks der Gegenöffentlichkeit habe ich zunächst ein wenig Datamining betrieben. Hierzu habe ich einzelne bekannte Seiten (Compact, Anonymous.Kollektiv, Freie Medien) daraufhin untersucht, welche weiteren Seiten sie mit einem Like unterstützen.

Likes-Anonymous

Anschließend habe ich diese Informationen weiterverarbeitet, indem ich eine Verknüpfung zwischen diesen angelegt habe. Dieses Netzwerk wurde um Knotenpunkte erweitert, wenn es besonders viele Verknüpfungen durch andere Seiten aufwies.
Wenn nun ein Knotenpunkt eine Mehrzahl der gleichen Seiten wie ein weiterer Knotenpunkt geliket hat, so unterstützen beide Knoten wohl ein ähnliches Netzwerk. Diese Ähnlichkeit wird in meiner Erhebung durch räumliche Nähe gekennzeichnet.

Übersicht Gegenöffentlichkeit - eine interaktive Grafik erreicht man durch Klick auf die Grafik

Übersicht Gegenöffentlichkeit – eine interaktive Grafik erreicht man durch Klick auf das Bild

Mit dieser Erhebung kann man durchaus eine Nähe zwischen den Medien dieser Gegenöffentlichkeit erkennen. Mitten in diesem Gewirr aus Anonymous, Compact, Freie Medien (eine weitere dubiose Seite) und der Wissensmanufaktur (eine Seite von Andreas Popp) befinden sich RT Deutsch.
Es kann durchaus angenommen werden, dass diese Netzwerke ein gemeinsames Campaigning betreiben und dies lässt sich anhand der derzeitigen Berichterstattung durchaus ableiten.

In der Erhebung lassen sich auch weitere, interessante Verknüpfungen finden. So unterstützen viele Seiten innerhalb des Netzwerks Sarah Wagenknecht mit einem Like, was sich durchaus durch ihre Querfrontstrategie erklären lässt. Auf solche Verknüpfungen werde ich in Zukunft eingehen und plane, diese Netzwerkanalyse zu verfeinern (zum Beispiel durch Einbezug der Reichweite bestimmter Seiten) und versuchen, weitere Erkenntnisse gewinnen. Da die Verknüpfungen durch die Seiten selbst angelegt werden, kann man allerdings nur Netzwerke erkennen, welche die Betreiber öffentlich unterstütz werden. Am Beispiel von KenFM sieht man, dass sich Ken Jebsen zwar auf seiner Seite von Verlinkungen in dieses Netzwerken absieht, er aber dennoch innerhalb dessen sehr aktiv agiert – zum Beispiel durch Reden auf Montagsmahnwachen und Interviews mit Personen aus dem Umfeld dieser.

Die Daten wurden über Facebook FQL gewonnen und durch die OpenSource Software Gephi ausgewertet.

Interaktive Auswertung

Auswertung als PDF

22 Kommentare

  1. Danke für diese famose Arbeit.

  2. Und Sie scheinen ein Teil des Bertelmanns Imperiums zu sein.
    Richtig?
    Schön wäre auch alles dazu.
    Ist Frau Merkels Mann nicht im Vorstand?
    Ist Arvato , die Netzpolizei nicht ein Teil von Ihnen?
    Demokratie heißt auch, alle Seiten zu beleuchten.

    • Ehrlich gesagt, nein, das bin ich nicht.

      Ich bin derzeit Student der Politikwissenschaft und in der Gewerkschaft IG BCE tätig. Ich bekomme ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Ich habe keinerlei Verbindung zu Bertelsmann.
      Meine Verbindungen finden Sie auch alle unter „Über mich“.

  3. Vielen Dank für die informative Übersicht! Ich bin gespannt auf die weiteren Analysen.

  4. Danke.
    Putin führt einen „hybriden Krieg“ gegen den Westen, und diese Netze gehören dazu.
    Da muß dringend durchgegriffen werden.

    • Alle Fäden laufen bei Putin bzw. in Russland zusammen. So richtig Auftrieb bekamen die ganzen Verschwörungstheoretischen, antiwestlichen, rechts angehauchten Blogs, Youtubechannels usw. doch erst seit Beginn des Ukrainekonflikts.
      Compact lädt jährlich zu einer Konferenz. Neben Neurechten, Verschwörungstheoretikern, Hobbylosen Ex-Politikern, drittklassigen Wissenschaftlern und Journalisten geben sich dort auch regelmäßig einflussreiche Russen die Ehre.
      RT Deutsch berichtet ausgesprochen PEGIDA und AfD-Freundlich.
      Könnte man noch zahllose weitere Beispiele nennen.

  5. Bin irgendwie über KenFM hierher gelangt und werde immer verwirrter.
    Hoffe nur, in diesem „Informationskrieg“ nicht völlig den Durchblick zu verlieren.
    Erstmal vielen Dank für eine neue Info

    • Der Gute alte Buschfunk funktioniert halt irgendwie doch noch =D

    • Immer gut überprüfen, von wem die “ neuen Infos“ kommen.
      Wenn es dann in Hetze gegen Russland abdriftet, ist niemandem geholfen.
      Ich denke, mit gesundem Menschenverstand kann man sich zu jedem Inhalt ein eigenes Bild machen.

  6. Fehler von Medien werden nicht durch Fehler von Gegenmedien entschuldigt oder geringer gemacht. Würden die Medien ihrer Aufgabe, umfassend und objektiv zu berichten, gerecht, so gäbe es nicht die Notwendigkeit von Gegenmedien.
    Wenn aber ganze Richtungen, einstige schweigende Mehrheiten, die von Medien zum Verschwinden verschwiegen wurden, sich nicht äußern können, bleiben nur Gegenmedien.
    Vernetzung fördert die Sichtbarkeit und ist unerläßlich, wenn einzelne Stimmen nicht im Ozean des Internets unsichtbar untergehen wollen. Dabei mag es leicht geschehen, daß aus der Notwendigkeit, sich zu vernetzen, unerwünschte Querverbindungen entstehen.

    Nun aber zum Grund, warum Gegenmedien nötig wurden: Berichterstattung zu stark tabuisierten und ideologisierten Themen wie Feminismus ist seit mindestens 1968 extrem einseitig. Esther Vilar fand fast keinen Verlag für ihren späteren Klassiker, wurde von Feministinnen zusammengeschlagen, bedroht und in Emigration gezwungen, obwohl sie eine feministische Dissidentin ohne Männerhaß war.
    Eine Widerlegung des Feminismus darf es nach Ansicht manipulierter Zeitgenossen nicht geben, weshalb die Medien sie über eine Generation verschwiegen, so wirksam unterdrückten, daß die Öffentlichkeit glaubt, es gebe keine gute, objektive und sachliche Widerlegung. Diese Zensur durch Verschweigen war wirksam, hat es einer Ideologie erlaubt, die Macht zu ergreifen, obwohl ihre Annahmen und Behauptungen widerlegt sind.
    Die Buchreihe „Die beiden Geschlechter“ belegt feministische Zensur in den Medien über mehrere Generationen, und stellt auch einige der unterdrückten Argumente und Beweise vor.
    Wer diese Beweise zur Kenntnis nimmt, wird merken, daß die Medien tatsächlich verschwiegen und verdreht haben, allerdings auf anderen Gebieten als den derzeit diskutierten.

  7. …“feministische Dissidentin“,“manipulierte Zeitgenossen“, „Gegenmedien“ -> Aua.

    An ihrer Sprache sollt Ihr sie erkennen…die Verschwörungsgläubigen, Antisemiten – und ‚Männerrechtler‘.

  8. „Gerade bei Anonymous, eine Bewegung welche sich gegen Zensur richtet, wirkt ein solches Blockieren und Löschen besonders heuchlerisch.“

    Diese Anonymous Seite hat mit Anonymous nichts zu tun.

    Das ist die FB Seite von diesen Rönsch. Und dieser kommt eindeutig aus der rechten, VT- Ecke.
    Popp, Jebsen,

  9. Pingback: Die Sprache der rechten Hetzer auf Facebook |

  10. Na endlich reicht jemand den Deutschen die Hand, besser spät als gar nicht, das ist die Chance das sich alle einbringen können und zu den Deutschen aufschliessen können.

  11. Hallo Josef,

    danke für die Datenanalyse. Der Link zum PDF-Dokument funktioniert leider nicht. Könntest du ihn erneuern? Lieben Dank schonmal!

  12. Das ist alles nichtssagend. Einen „Like“ kann man aus unterschiedlichen Gründen vergeben. Entweder man mag etwas tatsächlich oder man will das beobachten, Informationen von dort erhalten. Korrelationen kann es aufgrund sich überschneidender Interessenlagen geben. Leider denken die meisten nicht nach, sondern wittern schon eine „Querfront“, wenn sie zwei Namen auf einem Blatt sehen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was sonst auf dem Blatt steht. Das hier ist weder Analyse, noch Wissenschaft. Das ist Scharlatanerie.

  13. Sie könnten ja mal die Netzwerke von Ditfurth und der diversen „Watch“-Seiten untersuchen. Irgendwas sagt mir, dass da ein viel eindeutigeres Bild herauskommt.

  14. Schön das es auch wahrhaft und wahrhaft junge Menschen gibt, die Zusammenhänge erkennen und veröffentlichen. Da keine und weiter so.

  15. Liebe Böckler-Stipendium-Kollegen, sicher verdienstvoll, dieses Thema wissenschaftlich zu beackern. Doch scheint mir die Analyse zu formalistisch und politisch naiv. Schon der Begriff „Verschwörungstheorie“ ist fragwürdig, weil er offensichtlich inhaltliche Pauschalierungen enthält und ähnlich wie die Begriffe „Populismus“ und „Extremismus“ eine Ideologie der „normalen, politisch vernünftigen gesellschaftlichen Mitte“ und eine Ausgrenzung gesellschaftlicher Fundamentalkritik enthält. War z.B. Marx in diesem Verständnis ein Verschwörungstheoretiker? Schon um den wissenschaftlichen Wert einer Theorie nicht zu diskreditieren, sollte man also besser von „Verschwörungsmythen“ sprechen (obwohl auch Mythen oft einen wahren, poetisch pauschalierenden Kern enthalten). Auch sollte man nicht angesichts des Einflusses von privatwirtschaftlichen Machtinteressen und Lobbygruppen auf Politik und Medien dringend notwendige Formen von Gegenöffentlichkeit und Medienkritik in einen Topf mit „Verschwörungstheorien“ werfen. Dass wichtige Korrektive in diesem Sinn wie Jürgen Todenhöfer oder die NachDenkSeiten in Ihrer VT-Liste auftauchen, also „vorwiegend Verschwörungstheorien publizieren“, scheint mehr als fragwürdig. Auch die Gleichsetzung von kategorialen Begriffen wie „Lügenpresse“ und „Lückenpresse“ zeugt von wenig Einblick in das Funktionieren unserer Zielgruppen-orientierten Medienlandschaft. Natürlich ist jede journalistische Tätigkeit notwendig lückenhaft – zu untersuchen wäre, wie weit die Lücken zufällig sind, sachlich begründet oder ideologischen Mustern folgend. Auch bleibt in euerer Analyse unberücksichtigt, welche Motive die Nutzer haben, ob sie ausschließlich oder ergänzend oder in kritischer Absicht solche „VT-Seiten“ besuchen.

  16. Der Kommentar ist vermutlich beim falschen Artikel gelandet, das hier ist eine sehr viel ältere Auswertung. Nichtsdestotrotz, ich will gerne darauf antworten
    In der Arbeit wird eine Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit durchaus kritisch diskutiert. Der Begriff „Verschwörungsmythos“ wird in der Literatur durchaus genutzt, z. B. von Pfahl-Traughber. Dieser unterscheidet zwischen „Verschwörungshypothese“, „Verschwörungsideologie“ und „Verschwörungsmythos“ – letzteren verwendet er allerdings für Verschwörungstheorien, welche etwa Satan oder Fabelgestalten hinter den Verschwörungen sehen. Deiner Intention kommt wohl am ehesten der Begriff „Verschwörungsideologie“ nahe – allerdings erklären wir gerade in der Arbeit, wieso wir diesen nicht verwenden, auch wenn er z. B. durch Bartoschek genutzt wird (Seidler nutzt, wie wir, weiterhin den Begriff „Verschwörungstheorie – mMn mit einer sehr stichhaltigen Begründung, weshalb wir uns dieser größtenteils anschließen).

    Populismus und Extremismus sind nicht per se Pauschalisierung. Gerade dem Populismus und Rechtspopulismusdefinitionen von Decker kann ich mich vollumfänglich anschließen.

    Das Gegenöffenltichkeit in der Arbeit nicht einfach nur in einen „Topf“ geworfen wird, ergibt sich schon daraus, dass wir uns mit den verschiedenen Gegenöffenltichkeitsbegriffen von Negt/Kluge und Fraser auseinandersetzen. Alle drei setzen sich vor allem mit einer emanzipatorischen Gegenöffentlichkeit auseinander, welche von einer (unterdrückten) Minderheit oder einer bisher nicht von der Öffentlichkeit beachteten Gruppe Gehör zu verschaffen.

    Jürgen Todenhöfer taucht bei den 84 VT-Seiten nicht auf. Dass er im Netzwerk zu sehen ist, liegt daran, dass er von vielen der 84 VT-Seiten geliked wird. Dies haben wir auch im Abriss – genauer aber in der vollständigen Arbeit beleuchtet.

    Die Gleichsetzung der Begriffe „Lügenpresse“ und „Lückenpresse“ nehmen nicht wir vor sondern die NachDenkSeiten – diese benutzen diesen Begriff nämlich willkürlich und damit synonym. Für uns Grund Genug um sie zumindest in die Erhebung aufzunehmen. Dass dies nicht ungerechtfertigt ist, sieht man alleine schon daran, dass sehr viele Menschen, welche auf anderen VT-Seiten kommentieren, auch bei den NDS kommentieren – sie bedienen also zumindest, auch wenn sie sich davon distanzieren wollen würden – das selbe Publikum.

    Die Motive könnten wir in der Arbeit nicht klären, dass ist richtig – ich glaube dass ist auch nur in einer psychologischen Auswertung möglich, diese können wir nicht vornehmen.

  17. Danke für die ausführliche Replik. In der Tat hat sich meine Kritik auf den Abriss eurer Untersuchung bezogen. Die vollständige Arbeit werde ich gerne noch lesen. Hier nur so viel zu meinem grundsätzlichen Einwand: Die Begriffe „Verschwörungstheorie“, „Extremismus“ und „Populismus“ werden in der parteipolitischen Diskussion und besonders in den Talkshows häufig als Kampfbegriffe und Totschlag-Argumente verwendet, um mit einer Gleichsetzung der rechten und linken „extremen Ränder“ eine inhaltliche Auseinandersetzung zu verhindern und die gesellschaftliche Mitte (den sog. Mainstream) als einzig vernünftige, realistische und alternativlose Perspektive zu propagieren. Das halte ich politisch und für einen demokratischen Diskurs für sehr gefährlich. Dass alte wie neue Nazis seit jeher Argumente und Forderungen der Linken benutzen, um bei den unterprivilegierten Bevölkerungsschichten Fuß zu fassen (NSDAP!), sollte nicht darüber täuschen, dass „national“ und „sozialistisch“ Gegensätze darstellen, die sich mitnichten irgendwo auf einer phatasierten Kreisbahn treffen. Dass rechte Propagandisten wie Verschwörungsideologen auch Nachrichten und Argumente einer linken (emanzipatorischen) Gegenöffentlichkeit benutzen und auf deren Seiten kommentieren, wenn sie (scheinbar) ihre verschwurbelten Ansichten stützen, zeigt nur, dass neben der statistischen Netzwerk-Untersuchung eine qualitativ-ideologiekritische Inhaltsanalyse dringend notwendig ist.

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