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Wieso die Kritik der Nachdenkseiten und Telepolis an den Panama Papers keine Kritik ist

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Die Veröffentlichung der Panama Papers wird in den Kommentaren auf Facebook wenig positiv aufgenommen. Es wird vom Informationskrieg des Westens gegen Putin gesprochen, ein Schutz der westlichen Elite herbeigeredet, die Ergebnisse seien vorbestimmt und – falls sie stimmen sollten – wird sich doch sowieso nichts ändern.

Kommentare-FacebookHier weitere Facebook Top-Comments zu den Panama Papers

Nur wenige der Top-Kommentare sehen in der Veröffentlichung den gigantischen Coup der Süddeutschen Zeitung und den Journalisten des ICIJ, den Leak über ein Jahr verbergen zu können und dabei global zusammenzuarbeiten, um diese gigantische Datenmenge zu durchforsten. Erst über die nächsten Wochen und Monate werden wir das gesamte Ausmaß des Leaks fassen können – die SZ kündigt schon an, dass auch berühmte Persönlichkeiten davon betroffen sein werden.

Dies hält die Redakteure von Telepolis und der Nachdenkseiten allerdings nicht davon ab, bereits jetzt ein abschließendes Statement über den Leak der Panama Papers zu fällen.

In einem Beitrag fasst Jens Berger zusammen, weshalb den Redakteuren der SZ und des ICIJ nicht zu trauen ist:

Die Massenmedien beschützen die westlichen Eliten vor den Panama Papers

 

Was haben Sie denn auch erwartet? Die Auswertung und Veröffentlichung der Daten wird vom „Internationalen Konsortium investigativer Journalisten“ vorgenommen, einer Gruppe deren Name bereits pompös und lächerlich klingt. Das ICIJ wird finanziert und betrieben vom amerikanischen „Center for Public Integrity“. Unter den Unterstützern und Finanziers dieses Instituts findet man Namen wie …

  • Ford Foundation
  • Carnegie Endowment
  • Rockefeller Family Fund
  • W K Kellogg Foundation
  • Open Society Foundation (Soros)

Die Nachdenkseiten machen, wie Telepolis, dabei das Argument auf: „Wer bezahlt, schafft an – und wird geschützt“. Dabei sind sie nicht investigativ vorgegangen und konnten durch Hintermänner aufdecken, wer denn das Center for Public Integrity mit Spenden unterstützt – diese werden nämlich selbst auf der Seite aufgelistet. Eine Intransparenz kann dem CPI also nicht vorgeworfen werden.

Eine inhaltliche Kritik findet nicht statt, es werden sogar diese Vorwürfe laut:

Vergessen Sie an dieser Stelle auch nicht, dass es der Guardian war, der damals auf Befehl des britischen Geheimdienstes hin, die Kopien von Edward Snowdens Daten zerstört hat.

Ein solcher Vorwurf ist nicht nur extrem verkürzt, er verkehrt die Intention des Guardian sogar ins Gegenteil. Die Zerstörung des Laptops wurde in vielen Medien stark kritisiert, der Guardian gab dahingehend an, dass sie entweder den Laptop zerstören sollten oder aber die Daten an das GCHQ ausliefern mussten. In dem Fall bevorzugten sie den Quellenschutz und zerstörten den Laptop unter Anleitung des GCHQ – die Daten waren sowieso schon geleakt, es handelte sich vielmehr um einen symbolischen Akt der Einschüchterung des GCHQ – was ebenfalls durch zahlreiche Medien kritisiert wurde.

Erwarten Sie lieber Schüsse in Richtung Russland, Iran und Syrien und einige kleinere „Alibischüsse“ auf kleinere westliche Länder wie Island. Wahrscheinlich opfert man noch einen oder zwei greise britische Adlige – vorzugsweise welche, die bereits dement sind.

Jens Berger weiß nach nicht einmal 24 Stunden nach der ersten Veröffentlichung der Süddeutschen Zeitung, bereits, was drohen wird – beziehungsweise was nicht passieren wird.

Die Massenmedien schützen eine vermeintliche Elite. Nur widerlegt bereits die erste Veröffentlichung am Sonntag dieses Argument. So kündigt die SZ an, dass es sich bei einer der betroffenen Personen um Petro Poroschenko handelt.

Gerade Soros hätte aber kein Interesse daran, dass Poroschenko mit diesem Leak in Verbindung gebracht würde. Zumindest wenn man den pro-russisch berichtenden Medien glaubt oder gar RT-Deutsch zitieren will, Soros und Poroschenko sind laut denen nämlich ziemlich dicke Freunde.

Der Rest bezieht sich darauf, dass das ICIJ von westlichen Stiftungen und Firmen Spenden erhält und deswegen auch pro-westlich ausgerichtet ist. So ziemlich jede NGO erhält ihre Spenden hauptsächlich aus dem Westen. Das liegt auch daran, dass sich nur wenige Unterstützer in Russland, beispielsweise für Reporter ohne Grenzen oder Amnesty International finden (welche übrigens ebenfalls Geld der Rockefeller Foundation bekommen). Statt mit Inhalten beschäftigen sich die Nachdenkseiten mit vermeintlichen Zahlern und wirft auf, dass deswegen auch keine westlichen Milliardäre von den Veröffentlichungen betroffen sein werden. Obwohl sie das schon sind, die Leaks betreffen immerhin Cameronmindestens sechs Mitgliedern des House of Lords sowie einige ehemalige Parlamentsmitglieder Englands, ein Drittel der isländischen Regierung sowie zahlreiche „westliche“ Persönlichkeiten wie beispielsweise Lionel Messi und eben, wie vorher beschrieben, pro-westlich agierende Politiker wie Poroschenko.

In weiteren Artikel werden deutsche Banken und Ex-Politiker durchaus belastet. Diese Fakten werden aber, sowohl durch Telepolis, die Nachdenkseiten ignoriert. Die Kommentare auf Facebook sehen die Veröffentlichung einseitig, als Propaganda-Krieg gegen Russland. Fall abgeschlossen, Fakten können ignoriert werden – und sowieso, der Westen ist ja viel schlimmer. Es gibt ja noch andere Steuerparadiese. Und überhaupt, was ist mit amerikanischen Steuerzahlern? #whataboutism

Dass gerade das amerikanische Steuersystem deutlich anders aufgebaut ist als europäische System (Steuern sind beispielsweise an die Staatsbürgerschaft gebunden) und amerikanische Steuerhinterzieher ihre Briefkastenfirmen nicht mal in der Karibik und Mittelamerika aufstellen müssen, sondern viel bequemer in Delaware, egal.

Es ist erschreckend wie die Panama Papers auf Facebook wahrgenommen werden. Und leider zeigt es auch, wie erfolgreich Russlands Außenpolitik im Internet ist.

Traurig.

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